Gert Schröter

Gert Schröter, 77 Jahre alt, kennt das Gut Hellersdorf noch aus DDR-Zeiten. Wir treffen uns dort im Garten und beginnen unser Gespräch. Gert Schröter erzählt, dass er in Falkenberg im Volkseigenen Werk mit 17 Jahren als Traktorist zu arbeiten anfing. Er kommt aus Mecklenburg, genauer Anklam. Die Stadtgüter zahlten damals in Berlin besseres Geld. Dort war er bis 1965 tätig. Danach studierte er Ingenieur­pädagogik und kehrte zurück zum Falkenberger Gut, welches zu dieser Zeit unbenannt wurde in Volkseigenes Gut Weißensee. Ab 1969 bildete er Lehrlinge aus.
»Die Güter waren bis dahin noch alle selbstständig für sich. Hellersdorf an sich war uns fast gar nicht bekannt. Warum? Weil hier war ja die Grenze, die › grüne Grenze‹ das ist ja hier Zone gewesen früher.« Ich hake nach. »Die Wuhle war die Grenze von Berlin. […] Das Gut [Hellers­dorf] stand schon, das ist ja noch aus den 30er Jahren oder davor. Die Ländereien waren noch nicht bebaut in den 70er Jahren. Das ist ja erst zum Schluss bebaut worden. Und wir haben deshalb nicht zusammengearbeitet, weil wir waren Berlin, und das hier war Zone, so hat man gesagt […]. Dann wurde Falkenberg noch mit Lichtenberg zusammengelegt, das war dann 1970. Dann wurden wir KAP Lichtenberg-­Weißensee.« Was KAP bedeute, frage ich. »Kooperative Abteilung Pflanzenproduktion. Da wurde dann praktisch das Gut geteilt, einmal Pflanzenproduktion und Tierproduktion.« Groß muss dieses Gut damals gewesen sein, »praktisch wie ein Bauernhof«, erzählt Gert Schröter weiter. Hier in Hellersdorf ist auch eine Plantage gewesen, da wo das Gut anschließt, dahinter war eine große Obstplantage.« Er deutet in die Richtung, wo der Garten bald hinziehen wird, da wo jetzt die Kleingartenkolonie ist. »Bis zur Zossener Straße. Die ist erst ein paar Jahre vor der Wende entfernt worden. […] Die Güter waren alle sehr breit gefächert und jetzt hat man das immer mehr spezialisiert.« Der Senat entschied später, alle Plantagen für den Wohnungsbau abzureißen.
Gert Schröter berichtet weiter vom Gut. »Dann war ja die Mauer gebaut worden, ’61, dann hat sich die Sache ein bisschen gelockert, dann war eine bessere Verbindung mit Hellersdorf. Durch die KAP kam auch Hellersdorf zu uns dazu.« Er blättert in Unterlagen, die er extra mitgebracht hat. »Schon bisschen strapaziert worden, das Ding. Wann ist das gewesen…’78, ja. Ab ’78 hieß es KAP Berlin und der Sitz war dann in Hellersdorf.« In Marzahn gab es eigene LPGs (Landwirtschaft­liche Produktionsgenossenschaften), die beiden Bezirke waren damals noch nicht zusammengefasst. Auch wegen der Abrechnung, das Gut war volkseigen und die LPG eine Genossenschaft. »Das ist ja eine ganz andere Vergütung. Die zahlen dann ja keine Steuern und sowas alles. Ich war ja praktisch mehr oder weniger Arbeiter, war Angestellter im VLG.« Ich frage, was genau Gert Schröters Tätigkeiten gewesen sind. »Na, ich war erst Traktorist gewesen bis ’65. Und dann bin ich nach Schwerin gegangen, ab ’68 bis zur Wende habe ich Ausbildungsleiter gemacht. Zum Schluss, weil hier kein Acker war, haben wir schon drei Jahre vorher aufgehört mit der Lehrlingsausbildung, weil wir dann auch keine mehr gebraucht haben, da haben grade noch die älteren Traktoristen Arbeit gehabt, weil es ja immer weniger wurde.« Er berichtet, dass »der ganze Gürtel hier rum« als Ackerland in der KAP Berlin zusammengefasst wurde: Schönerlinde, Malchow, Falkenberg und das Land, was noch im Stadtgebiet war.
Der größte Teil der Menschen, die in der Landwirtschaft tätig waren, kam von außer­halb, nicht aus Berlin. Abgesehen von der besseren Bezahlung wurde »man in Berlin mehr gefördert. In Mecklenburg wär’ ich Traktorist bis zum heutigen Tage (lacht). Und hier habe ich einen Schlosser noch nachgemacht neben dem Traktor­isten.« Er wollte dann Maschinenbau studieren, aber dann geschah etwas. »Beim Wehrdienst war ich nicht in dem Sinne, weil ich hab’ gesagt, ich fasse keine Waffe an. Meine Großeltern – ich komm ja von Ostpreußen – weil sie meine Großeltern alle abgeschossen haben. Egal, wer die Schuld hatte, ist mir egal, aber ich bin ohne Großeltern aufgewachsen. Vier Großeltern verloren, einen Haufen Tanten durch den Krieg, an Typhus und alles. Meine Mutter hatte auch Typhus – und da hab’ ich gesagt: Ich mach alles bei der Armee, aber keine Waffe.« Durch diese ›Verweigerung‹ wollte man ihn wohl »aus Berlin raus haben« und er musste zum Studieren nach Schwerin, eben auch nicht für Maschinenbau. Nur eine Waffe hätte er einfach nicht anfassen wollen.
»Ich war zufrieden mit dem ganzen System…ob das System oder das System – ich hab’ in beiden Systemen gut gelebt. […]« Als er nach Berlin zog, hätte er direkt eine Wohnung gestellt bekommen, allerdings eine »ganz schlechte. In Falkenberg.« Mittlerweile hat Gert Schröter ein Haus in Biesdorf. »Ich hab’ meine Arbeit gemacht und mein Geld verdient. […] Ich war im Vorstand, war Abgeordneter. Trotzdem ich parteilos war, haben sie mir alles gefördert. Nach der Wende bin ich dann hier weggegangen, nach West-Berlin und hab’ dann dort angefangen. Hab’ da auch gut Fuß gefasst.« Im »Westen« war Gert Schröter dann im Landschaftsbau tätig. »Ich hätte ja vielleicht was anderes machen können, [im] Sozialwesen – hinterher ist man immer schlauer. Aber jeder hatte Angst, wir wurden ja einfach so rein­geschmissen. Ich hatte auch erstmal Probleme, dass ich einen Job kriege. Ich hab’ mich dann beworben, da war ich auch schon  50, […] wurde abgewiesen. Dann wurde ich aber über eine Kollegin […] direkt eingestellt.« Zudem war er viel­seitig einsetzbar, mit 16 Jahren hatte er auch schon als Hilfs­gärtner gearbeitet. »Ich hab’ jeden Tag 12 Stunden gearbeitet. Aber die 90er Jahre waren ja auch noch die Jahre, wo die Westler noch Geld hatten. 2002 ging’s total bergab. Auch im Westen.« 2005 ging Gert Schröter in Rente. Trotzdem arbeitet er weiterhin, aktuell bei RUWE, obwohl er eine ganz gute Rente hat. In der DDR haben alle die gleiche Rente bekommen, seine Arbeitsjahre im Westen besserten diese noch auf. »Da ich Genossen­schaftsbauer geworden bin, die letzten Jahre ab ’85, weil wir hier mit Mahlsdorf zusammengelegt worden sind. Da haben sie ja alle Betriebe wieder getrennt, haben alles aufgelöst. LPG Hellersdorf, Mahlsdorf seit… (blättert in seinen Unter­lagen)… seit ’88… das war beschissen jetzt für mich in dem Sinne. Ich bekomme dadurch 200 Euro weniger Rente. […] Ich bin LPG Mitglied geworden, ’85. Die KAP wurde aufgelöst ’84 und die LPG wurde gegründet ’85. Der Senat wollte das eigentlich nicht, weil an sich ist das ja ein Rückschritt – man wollte Volkseigene Betriebe haben.« Im Gut wurden Chicorée und Rosenkohl angebaut, noch fast bis zur Wende. Danach wurde alles billig verkauft und abgerissen, vieles davon wurde nur ein paar Jahre genutzt, wie etwa Bewässerungs­anlagen in Hellers­dorf, wie etwa ein großer Brunnen am ­Cottbusser Platz, der dann wieder abgebaut wurde. »Hier stand alles unter Beregnung. Aber der Wohnungsbau ging eben vor allem.« Ich frage, ob es, obwohl er in beiden Systemen gut zurecht kam, dennoch Unterschiede für ihn gäbe. »Naja. Zu DDR-Zeiten wurde die Arbeit eben mehr anerkannt. Jetzt ist man ja nur eine Person, mehr oder weniger. Aber in der DDR habe ich etwas dargestellt. Wenn ich meine Arbeit gut gemacht habe, habe ich etwas dargestellt. Irgendwie hat man das gemerkt, gefühlt. Heute kriegt man sein Geld, und damit ist die Sache abgetan. Also das Menschliche fehlt total.« Neben seiner Arbeit, die er noch verrichtet, hilft Gert Schröter Menschen im Bezirk und Umgebung aus. Als gelernter Schlosser kann er das eine oder andere reparieren, oder macht Nachbar­Innen den Garten. Nicht wegen des Geldes, sondern »als Ausgleich und der Freude am Arbeiten«, wie er sagt.
Er fährt viel mit dem Fahrrad im Bezirk rum. »Ich interessiere mich für alles. Ich weiß heute noch, wo unsere Bäume mal standen, oder wo ich gemäht habe. Ich hab’ ja hier 15 Jahre als Traktorist gearbeitet. Ich kenn’ ja jede Ecke hier. Hier waren unsere Silo-Hütten zum Beispiel die Silage haben wir hier gelagert, hier Cottbusser Platz. Dann war hier ’ne Tankstelle auf dem Hof. Hier haben wir den Trekker gewaschen (er deutet auf Stellen auf dem Gut)«.
Viele Kontakte und Bekannte hat er in Hellersdorf. Auch mit ein paar Leuten vom Gut hat er noch Kontakt. »Von neunzig Lehrmeistern bin ich der einzige gewesen, der durchgehalten hat. Wir treffen uns ja heute noch. Sind auch schon viele gestorben, sind in den 60ern schon welche gestorben von denen. Und ich bin der einzige, der durchgehalten hat. Die anderen sind entweder alle FDJ-Apparat oder Partei, alle verschwunden von der Ausbildung.« Ich hake nach. »Naja. Unser FDJ-Sekretär war in die Partei eingetreten, während der Studienzeit sind viele schon in die Partei eingetreten. Und nachher haben sie die Laufbahn genommen.« Viele der Auszubildenden seien in der Partei gewesen. Aber wieso hätt’ er ihnen »ein Klotz am Bein sein sollen«, solle doch jeder so machen, wie er es für richtig halte. »Ich hab’ dazu gestanden, dass ich keine Waffe anfasse, aber sonst meine Arbeit zu machen habe – bei mir ist’s Arbeits­erziehung. Die Leute müssen sich mit den Händen das Geld verdienen. Und das hat wunderbar geklappt.«
Wir kommen nochmal auf Hellersdorf zu sprechen. Ich frage, wie ich mir den › Bezirk ‹ zu DDR-Zeiten vorstellen kann. »Hier war Chicorée.« Und Futter für die Tiere wurde angebaut. Aber auch die Kühe »wurden abgeschafft«, die damals noch in Hellersdorf auf der Wiese standen. Die Neubauten müsse ich mir wegdenken, »alles Ackerland und Rieselfelder«. Gert Schröter ist traurig, dass das Gut Hellers­dorf so verkommt und nun auch noch bebaut werden soll. Nur die Klinker werden saniert, sie sind denkmalgeschützt. Alle Werkstätten, die er mit aufgebaut hat, sollen aber abgerissen werden. Er deutet auf das schöne große Gebäude hinter uns, das man wegen Baufälligkeit nicht betreten darf. »Das war unser Getreidelager.« Gert Schröter hat viel gearbeitet in seinem Leben, eine große Menge Überstunden gemacht, aber müde scheint er nicht. »Ich bin unverwüstlich im Arbeiten gewesen.« Und offenbar noch immer. Häufig gönnt er sich aber auch ein Essen in der Polizei­kantine des Bezirks, »die kochen gut, viele Eintöpfe oder Senfeier mit Möhrensalat und Kartoffeln. Morgen gibt’s Broiler. Heute gab es Forelle.« Auch auf dem Gut gab es eine Küche, »wir wurden beliefert von der LPG Marzahn, die haben gekocht für uns. Hinten am Ende, wo die Garagen sind. »Ich bin aber oft nach Schönerlinde rübergefahren. Die hatten ja eine große Milchviehanlage und haben oft Pudding gekocht. Und ich habe gerne Pudding gegessen, immer zwei, drei Schalen!« Gert Schröter lacht laut.

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